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In Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg

Glücksatlas 2022

Rheinland-Pfalz: Neue Sorgenregion im Westen?

Seit 2018 schwächelt die Lebenszufriedenheit der Rheinland-Pfälzer. 2022 liegt sie erstaunlich niedrig. Auch in den Bereichszufriedenheiten schneiden die Rheinland-Pfälzer unterdurchschnittlich ab. Das liegt daran, dass das Land in vielen Bereichen wie Einkommen oder Gesundheit ebenfalls nur unterdurchschnittliche Werte vorweisen kann.

Corona mildert sich ab, Energiekrise und Rezession folgen

Der bisherige Rekordwert liegt noch gar nicht so lange zurück: 2018 gaben die Rheinland-Pfälzer eine durchschnittliche Lebenszufriedenheit von 7,23 Punkten an (Abbildung 1) und belegten im damaligen Glücksranking der Bundesländer den siebten Platz. Seitdem geht es bergab: Mitten in der Corona-Krise 2021 fiel das subjektive Wohlbefinden auf 6,62 Punkte. 2022 erholt es sich so gut wie nicht, verharrt bei 6,65 Punkten und kommt über Rang 11 (2022) nicht hinaus. Das ist für ein westdeutsches Bundesland enttäuschend. Erwartet hatte man eine Erholung »auf halbem Wege« wie im Rest Deutschlands, dessen Wert von 6,66 Punkten (2021) aktuell wieder auf 6,86 Punkte stieg. Rheinland-Pfalz bleibt seit der Corona-Pandemie aber in einem Glückstief.

Abbildung 1: Lebenszufriedenheit erholt sich nach der Corona-Pandemie in Rheinland-Pfalz kaum

Während Gesamtdeutschland 2022 bereits die Zufriedenheitsverluste durch die Pandemie zur Hälfte (0,28 Punkte) aufgeholt hat, liegt Rheinland-Pfalz in seiner Lebenszufriedenheit noch 0,38 Punkte unterhalb des Vor-Corona-Werts von 2019.

Anmerkung: Lebenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2017, Glücksatlas-Datenbank 2015 bis 2022.

Rheinland-Pfalz liegt bei zahlreichen sozioökonomischen Indikatoren im leicht unterdurchschnittlichen Bereich, was ebenfalls die unterdurchschnittlichen Zufriedenheitswerte erklären kann: Die Einkommen und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sind etwas geringer als in den Nachbarländern Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg (Ausnahme: Saarland). Die Arbeitslosenquote (insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit) ist etwas höher als in den Nachbarbundesländern. Außerdem leben in Rheinland-Pfalz überdurchschnittlich viele Rentner mit geringem Einkommen. Das heißt aber nicht, dass die Rheinland-Pfälzer vergleichsweise arm wären: Der Anteil derjenigen, die Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung im Alter erhalten, ist relativ gering. Zusammenfassend lässt sich sagen: Rheinland-Pfalz ist kein reiches – aber eben auch kein armes Bundesland. Der Lebensstandard liegt im unteren mittleren Einkommens- und Vermögensbereich.

Einkommenszufriedenheit stürzt ab, Arbeitszufriedenheit bewegt sich ebenfalls nach unten

Abbildung 2: Die Zufriedenheit der Rheinland-Pfälzer mit ihrem Haushaltseinkommen

Mit 6,18 Punkten ist die Einkommenszufriedenheit in Rheinland-Pfalz besonders gering – die Einkommenssituation reagiert hier besonders sensibel auf die hohen Inflationsraten.

Anmerkungen: Einkommenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«). Haushaltseinkommen: Nettoeinkommen aller Haus-haltsmitglieder nach Steuern und Sozialabgaben, aber plus Transfers wie Wohn- oder Kindergeld.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Wer im mittleren Einkommensbereich liegt, ist aber leider auch besonders verwundbar, wenn es zu hohen Preissteigerungen kommt. Die Inflation hat inzwischen auch in Rheinland-Pfalz fast zweistellige Werte erreicht. Seit 2020 sanken die realen Löhne um 5,60 Prozent – d.h. der hinzugewonnene Wohlstand der 2010er-Jahre ist bereits wieder verloren. Dabei haben die Rheinland-Pfälzer noch den Vorteil relativ geringer Wohn- und Lebenshaltungskosten.

Die Zufriedenheit mit der finanziellen Situation war bis 2019 überdurchschnittlich und fällt seither besonders stark (Abbildung 2): Mit aktuell 6,18 Punkten liegt sie in Rheinland-Pfalz 0,31 niedriger als im gesamtdeutschen Durchschnitt. Wie Abbildung 2 zeigt, ist sie beinahe im freien Fall. Die Reaktion auf die zunehmende Geldentwertung scheint hier besonders sensibel zu sein.

Rheinland-Pfalz hat jobtechnisch einiges zu bieten. Hier sind z. B. Großunternehmen wie BASF oder die Schott AG (Glasherstellung) angesiedelt. Mit dem Schuhgewerbe in Pirmasens und der Pharmaindustrie gibt es historisch gewachsene Branchen. Auch Landwirtschaft, Weinbau und der Tourismus sind solide Standortfaktoren. Es gibt aber auch Regionen, in denen die Arbeitslosenquote nach wie vor hoch ist. Besonders betroffen ist die Pfalz: In Kaiserlautern liegt die Arbeitslosenquote bei knapp 13 Prozent, Pirmasens kommt sogar auf 16 Prozent.

Abbildung 3: Arbeitszufriedenheit der Rheinland-Pfälzer

Statt sich wie in Gesamtdeutschland zu erholen, sinkt die Arbeitszufriedenheit 2022 weiter ab – auf schwache 6,64 Punkte.

Anmerkungen: Arbeitszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Auch bei der Arbeitszufriedenheit sehen wir dasselbe Bild. Bis 2019 war sie leicht überdurchschnittlich, doch mit Corona fiel sie stark ab und erholt sich nicht. 2022 ist sie mit 6,64 Punkten vergleichsweise gering (Abbildung 3). Während Deutschland sich auf 7,09 Punkte erholt, fallen die Rheinland-Pfälzer weiter ab. Das wird zu beobachten sein, klare Erklärungsmuster konnten wir für die fallende Arbeitszufriedenheit noch keine finden.

Die Lebenszufriedenheit in den Regionen von Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz ist ein sehr vielfältiges Bundesland. Mit Ludwigshafen, Pirmasens oder Wörth am Rhein gibt es industriell geprägte Städte. Besonders bekannt ist das Bundesland aber für seine großen Wälder im Hunsrück, dem Wester- oder Pfälzer Wald sowie seine Kulturlandschaft, insbesondere dem Weinbau. Historisch ist das Rheinland eher katholisch geprägt, die Pfalz eher protestantisch.

Abbildung 4: Die Pfälzer sind leicht zufriedener als die Rheinländer

Die protestantische Pfalz ist leicht glücklicher als das katholische Rheinland – die Unterschiede sind aber schwach ausgeprägt.


Anmerkungen: Lebenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Glücksatlas-Datenbank 2022.

In der Lebenszufriedenheit tun sich zwischen dem Rheinland (6,61 Punkte) und der Pfalz (6,68 Punkte) keine großen Unterschiede auf. Beide Regionen vereinen ähnliche Vor- und Nachteile, die auf die Lebenszufriedenheit wirken. Der Freizeitwert ist in beiden Regionen hoch, außerdem entsteht durch die Angrenzung an Frankreich, Luxemburg und Belgien ein gewisses internationales Flair. Ökonomisch ist das Bundesland eher durchschnittlich aufgestellt. Während es einzelne große Industrieunternehmen gibt, stehen auf der anderen Seite Regionen wie z.B. die Nordpfalz, die mit Strukturschwäche und Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben und die Lebenszufriedenheit der Menschen dort schmälert.

Familienzufriedenheit kriselt – die Freizeitzufriedenheit erholt sich wieder

Mit 6,99 Punkten sind die Rheinland-Pfälzer mit ihrem Familienleben so unglücklich wie nie zuvor (Abbildung 5). Noch 2019 lag die durchschnittliche Familienzufriedenheit bei 8,03 Punkten. Das ist ein herber Rückschlag, besonders weil die Rheinland-Pfälzer vor Corona immer etwas zufriedener als der Durchschnitt waren. Das hat sich durch Corona gedreht – in Rheinland-Pfalz ist im Familienleben eine Krise ausgebrochen.

Zwar sind die genauen Gründe dafür noch unklar, aber erste Hinweise finden wir in unseren Daten. Alleinlebende berichten – wenig überraschend – von einer sehr geringen Familienzufriedenheit. Nun geben viele Befragte aus Einpersonenhaushalten aus Regionen wie Kaiserslautern, Pirmasens oder Birkenfeld besonders niedrige Zufriedenheitswerte an. Gibt es in den mittelgroßen Städten von Rheinland-Pfalz womöglich eine ungewöhnlich starke Tendenz zur Vereinsamung?

Abbildung 5: Die Zufriedenheit der Rheinland-Pfälzer mit ihrem Familienleben

Die Familienzufriedenheit der Rheinland-Pfälzer fällt auch 2022 weiter auf 6,99 Punkte – das ist überraschend niedrig.

Anmerkungen: Familienzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Zum 75-jährigem Bestehen des Bundeslandes im Mai 2022 wurden die Rheinland-Pfälzer gefragt, was ihnen denn spontan Positives einfalle, wenn sie an ihre Heimat denken. Die im Auftrag des SWR durchgeführte Befragung zeigte, dass ein Drittel die schöne Natur und Landschaft schätzen. Begriffe wie »Heimat« oder »Politik« folgten mit sechs bzw. fünf Prozent. Außerdem bestätigten 92 Prozent, dass die Rheinland-Pfälzer gesellig seien, über 70 Prozent fühlen sich mit ihrer Region stark verbunden. Das sind auch die Dinge, die das Leben in Rheinland-Pfalz besonders lebenswert machen: Eine Mischung aus bäuerlich geprägter Kultur- und Naturlandschaft (insbesondere der Weinbau), einem starken Vereinsleben und sozialem Zusammenhalt. Trotzdem gaben auch die Rheinland-Pfälzer während Corona mit 4,95 Punkten eine besonders geringe Freizeitzufriedenheit an (Abbildung 6). Zum Glück kann sie sich 2022 wieder auf 6,61 Punkte erholen, und verläuft so entlang des gesamtdeutschen Trends.

Abbildung 6: Die Zufriedenheit der Rheinland-Pfälzer mit ihrer Freizeit

Der Verlauf der Freizeitzufriedenheit entspricht in etwa dem des gesamtdeutschen Trends. Mit 6,61 Punkten entwickelt sich der Wert langsam wieder in Richtung des Vor-Corona-Niveaus.

Anmerkungen: Freizeitzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Stärken

Heben die Lebenszufriedenheit

  • Starke Vereinsstrukturen, hoher sozialer Zusammenhalt
  • Kultur- und Naturlandschaften, hoher Freizeitwert
  • Vielfältige Unternehmenslandschaft

Schwächen

Senken die Lebenszufriedenheit

  • Strukturschwache Regionen in der Nordpfalz
  • Zum Teil hohe Verwundbarkeit in der jetzigen Energiekrise durch energieintensive Unternehmen

Nach Corona erholt sich die Lebenszufriedenheit im Saarland kaum. Die Einkommen bleiben im deutschlandweiten Vergleich gering und der Großteil des Strukturwandels in dem industriell geprägten Land steht noch aus. Positiv im Saarland bleiben aber der starke soziale Zusammenhalt und die hohe Wohneigentumsquote.

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