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Bundesland / Region

Ost und West gleich (un)glücklich: Corona löst Glücksabstand auf

Nach der Wiedervereinigung war der Glücksabstand zwischen Ost und West noch riesig. Mit dem wirtschaftlichen Aufholprozess wurde die Glückslücke immer kleiner. Ausgerechnet die Coronakrise hat nun Ost und West gleich (un)glücklich gemacht.

In der Coronapandemie hat sich das Glücksniveau zwischen Ost- und Westdeutschland weitgehend angeglichen. Das war nach der Wiedervereinigung 1990 noch ganz anders. Damals betrug die Kluft 1,3 Punkte auf der Skala von 0 bis 10. Die hohe Unzufriedenheit der Ostdeutschen damals hatte klar benennbare Gründe: Viele Betriebe hatten dicht gemacht, die Arbeitslosigkeit war hoch, die Abwanderung stark. Die gesamten Lebensumstände im Osten wurden tiefgreifend verändert, vor allem Ältere konnten die neuen Chancen der Sozialen Marktwirtschaft kaum nutzen.

Lebenszufriedenheit gleicht sich an

In den »Nachwendejahren« verringerte sich der Glücksabstand allmählich. 2005, als ganz Deutschland in einer Wirtschaftskrise steckte, betrug er nur noch 0,46 Punkte (Abbildung 1). Die »neuen Bundesländer« hatten aufgeholt, lagen aber bei Einkommen, Arbeitslosigkeit und Wachstum zurück. Auch die Abwanderung machte sich negativ bemerkbar – etwa im höheren Anteil von Einpersonenhaushalten (Stichwort: Einsamkeit) (Berlemann und Kemmesies 2004). Ähnlich wie beim wirtschaftlichen Aufholprozess glich sich auch die Lebenszufriedenheit im Osten langsam, aber stetig dem Westniveau an.

Abbildung 1: Abstand zwischen Ost und West schrumpft

2013 betrug der Glücksabstand zwischen Ost- und Westdeutschland noch 0,49 Punkte. Seither schrumpft er. In der Coronapandemie stürzen West- und Ostdeutsche ab: 2021 trennen sie gerade mal 0,1 Punkte voneinander.

Allgemeine Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 (»überhaupt nicht zufrieden«) bis 10 (»völlig zufrieden«)

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2005 bis 2013, Glücksatlas-Datenbank 2013 bis 2021.

2013 erreichte das Lebensglück der Ostdeutschen mit 7,00 Punkten einen Rekordwert – der Abstand zum Westen war auf nur noch 0,17 Punkte geschmolzen. Dennoch: Eine kleine Glückslücke hielt sich hartnäckig, was bei den bestehenden Unterschieden etwa beim Einkommen oder bei der Beschäftigung kaum verwundert. Deshalb standen die ostdeutschen Länder auch stets am Ende des Regionenrankings. Die Coronapandemie hat nun diese Glückslücke verschwinden lassen, 2020 betrug sie lediglich 0,05 Punkte.

Pandemie trifft den Westen besonders stark

Die Ostdeutschen konnten ihr Lebensglück bis Ende 2021 trotz Pandemie etwas stabiler halten und sanken nur auf ihr Glücksniveau von 2011 ab. Die Westdeutschen traf es hingegen ungleich härter. Sie landeten 2021 auf dem niedrigsten Zufriedenheitswert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984. Der Grund: Im Westen leben mehr Bevölkerungsgruppen, die unter den Lockdowns besonders litten. Das sind insbesondere Jüngere, Frauen, Familien mit Kindern und Selbstständige. Auch die stärker städtische Prägung Westdeutschlands schlägt negativ zu Buche: In einer Pandemie ist das Leben auf dem Land deutlich angenehmer, während die vielfältigen Möglichkeiten, die das Stadtleben ausmachen (z.B. die Freizeitgestaltung) eingeschränkt wurden. Hinzu kommt: Die Ostdeutschen erweisen sich wohl insgesamt als widerstandsfähiger gegenüber den Einschränkungen einer Pandemie (Liebig et al. 2020).

Die Glücksvorteile der Ostdeutschen

Unabhängig von Corona zeigen die Daten, dass die Ostdeutschen mit der Qualität ihrer Kinderbetreuung deutlich zufriedener sind. Diese bewerten sie mit 7,74 Punkten und damit 0,46 Punkte höher, als im Westen (7,28 Punkte). Das kommt nicht von ungefähr, geben doch Länder wie Sachsen-Anhalt oder Sachsen mehr als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts für ihre Kinderbetreuung aus – in Bayern sind es z.B. nur 0,6 Prozent.

Abbildung 2: In welchen Bereichen die Zufriedenheit der Ostdeutschen höher ist

Die Ostdeutschen sind besonders mit ihrem Schlaf, der Kinderbetreuung und ihrer Schulausbildung zufriedener als die Westdeutschen. Bei der Schul- und Berufsausbildung ist der Unterschied groß (0,86 Punkte).

Jeweiliger Durchschnitt auf einer Skala von 0 (»überhaupt nicht zufrieden«) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2019.

Auch mit ihrer Schul- und Berufsausbildung sind die Menschen im Osten (6,10 Punkte) zufriedener als im Westen (5,24 Punkte). Hier geben dem Gefühl objektive Bildungsvergleiche recht: Sachsen und Thüringen gehören regelmäßig zu den Bundesländern, die ihre Kinder in den Naturwissenschaften am besten ausbilden und zudem gut betreuen. Dagegen sind die Bremer mit weitem Abstand am unzufriedensten mit ihrer Schul- und Berufsausbildung.

Im Vergleich zum Westen schläft der Osten besser, wie ein Blick auf die Schlafzufriedenheit zeigt. Ostdeutsche erreichen hier 5,68 Punkten, Westdeutsche nur 4,90 Punkte. Das ist wenig überraschend: Besonders schlecht schlafen Eltern mit Kleinkindern, unter 30-Jährige sowie Topverdiener. Das sind alles Bevölkerungsgruppen, die im Osten schwächer vertreten sind. Hinzu kommen die geringere Verstädterung im Osten mit weniger Lärm- und Lichtverschmutzung bei Nacht.

Glücksvorteile der Westdeutschen

Die Westdeutschen haben insbesondere beim materiellen Wohlbefinden »die Nase vorn«. Sie sind sowohl mit ihrem Lebensstandard (um 0,29 Punkte) als auch mit ihrem Haushaltseinkommen (um 0,37 Punkte) zufriedener. Kein Wunder: Die Westdeutschen haben auch heute noch ein deutlich höheres Haushaltseinkommen und größeres Vermögen. Ein anschauliches Beispiel bietet der Unterschied im Gebrauch und Kauf von Autos je Haushalt im Westen und Osten. So besitzen 80 Prozent der westdeutschen Haushalte ein Auto, im Osten sind es 71 Prozent.

Abbildung 3: In welchen Bereichen die Zufriedenheit der Westdeutschen höher ist

Die Westdeutschen sind besonders mit ihrer materiellen Situation zufrieden, mit ihrem Haushaltseinkommen sind sie um 0,37 Punkte glücklicher. Auch die Zufriedenheit mit der Funktionsweise der Demokratie in Deutschland ist höher.

Jeweiliger Durchschnitt auf einer Skala von 0 (»überhaupt nicht zufrieden«) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2016 und 2019.

Ein weiterer auffälliger Unterschied ist die Zufriedenheit mit den Institutionen, wie Rechtsstaat, Parlament oder Demokratie. So sind die Ostdeutschen mit dem Funktionieren der Institutionen (»Verfassungsrealität«) deutlich unzufriedener (6,82 Punkte) als die Westdeutschen (7,19 Punkte), wie Auswertungen des Eurobarometers zeigen.

Das Haushaltseinkommen ist wichtig für die Lebenszufriedenheit, denn damit bestreiten wir unseren Lebensunterhalt und erfüllen uns Wünsche. Höheres Einkommen bedeutet also höhere Lebenszufriedenheit, könnte man meinen. Das stimmt so vereinfacht dargestellt aber nicht.

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