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In Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg

Glücksatlas 2022

Baden-Württemberg: Trotz hohem Wohlstand oft nur Mittelfeld

Baden-Württemberg rutscht im Zuge der Pandemie von einer guten Glücksposition ins Mittelfeld ab und bleibt auch 2022 unterdurchschnittlich zufrieden. Während die Zufriedenheit mit der Arbeit und der Familie wieder zunimmt, fällt die Einkommenszufriedenheit deutlich. Die Inflation macht sich bemerkbar.

Die Baden-Württemberger waren im Glücksranking der Regionen stets überdurchschnittlich zufrieden. Der Abstand zum deutschen Durchschnitt betrug früher zirka 0,1 Punkte – was in der Glücksforschung ein spürbarer Wert ist, gemessen an der Skala 0 bis 10. Doch mit der Corona-Pandemie bricht die Lebenszufriedenheit stärker ein als im Bundesdurchschnitt und sinkt von 7,21 (2019) auf 6,61 Punkte (2020/21). Auch 2022, als die Pandemie ausklingt, erholt sich Baden-Württemberg langsamer als das übrige Deutschland und verbessert sich nur um 0,19 Punkte auf 6,80. Der gesamtdeutsche Vergleichswert beträgt 6,86 Punkte und die durchschnittliche Verbesserung 0,28 Punkte.

Corona mildert sich ab, Energiekrise und Rezession folgen

Corona warf die Lebenszufriedenheit in Baden-Württemberg zurück, weil sich vor allem zwei Faktoren in der Pandemie negativ auswirkten: Junge Menschen verloren besonders aufgrund der Kontaktbeschränkungen an Zufriedenheit und auch die Wohlhabenden büßten an Wohlbefinden ein, da ihnen die Beschränkungen wenig Gelegenheit gaben, ihre hohen Einkommen zu nutzen. Darüber hinaus war der Wirtschaftseinbruch in Baden-Württemberg im Jahr 2020 deutlich größer (minus 5,4 Prozent) als in Gesamtdeutschland (minus 4,6 Prozent). Die Großindustrie rund um den Automobil- und Maschinenbau ächzte unter dem ersten »Lockdown« im Frühjahr 2020, stoppte zeitweise die Produktion und meldete flächendeckend Kurzarbeit an.

Abbildung 1: Lebenszufriedenheit erholt sich nach der Corona-Pandemie nur leicht

Während Gesamtdeutschland 2022 bereits die Zufriedenheitsverluste durch die Pandemie zur Hälfte (0,28 Punkte) aufgeholt hat, liegt Baden-Württemberg noch 0,41 Punkte unterhalb des Vor-Corona-Werts.

Anmerkung: Lebenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2017, Glücksatlas-Datenbank 2015 bis 2022.

Mit dem Auslaufen der meisten Infektionsschutz-Maßnahmen im Frühjahr 2022 stehen seit dem Beginn des Ukraine-Krieges andere Themen im Vordergrund. Neben den Kriegsängsten ist das vor allem die Inflationsrate, die bereits 2021 anzog und in Baden-Württemberg seit März `22 dauerhaft über 7 Prozent (im Vergleich zum Vorjahresmonat) liegt. Besonders betroffen sind die unteren Einkommensschichten, wo der Kaufkraftverlust am spürbarsten ist. Beides bremst den Wiederanstieg des Lebensglücks, das sich infolge der Rücknahme vieler Corona-Maßnahmen eigentlich schneller hätte erholen müssen (Abbildung 1). Baden-Württemberg liegt in seiner durchschnittlichen Lebenszufriedenheit 2022 bei 6,80 Punkten, nach 6,61 Punkten in der Corona-Pandemie. Das ist zwar eine leichte Verbesserung, verblasst aber, wenn man sich den hohen Vor-Corona-Wert von 7,21 Punkten vor Augen führt.

Das relativ schwache Abschneiden der Württemberger und Badener in ihrem Wohlbefinden im Jahr 2022 liegt an einer Mischung aus mitgeschleppten Problemen aus der Corona-Pandemie sowie neuen Schwachstellen in der Energiekrise. Aus der Pandemie wird zum einen eine leicht erhöhte Arbeitslosenquote mitgenommen: Sie beträgt aktuell 4,0 Prozent statt noch 3,2 Prozent 2019. Die »neuen« Arbeitssuchenden stammen vor allem aus dem Dienstleistungs- und Tourismussektor. Die Jobgewinne der wirtschaftlich guten Jahre zwischen 2015 und 2019 sind damit wieder verloren. Zum anderen gibt es 2022 im Südwesten einen überraschend hohen Krankenstand zu verzeichnen. Überdurchschnittlich viele Menschen beziehen derzeit Krankengeld. Offenbar handelt es sich hier überwiegend um psychische Erkrankungen – auch eine Folge der Lockdowns.

Einkommenszufriedenheit fällt ins Bodenlose, Arbeitszufriedenheit erholt sich wieder deutlich

 Die Zufriedenheit mit der eigenen finanziellen Situation hat in Baden-Württemberg 2022 besonders stark abgenommen, wie Abbildung 2 zeigt.

Abbildung 2: Die Zufriedenheit der Baden-Württemberger mit ihrem Haushaltseinkommen

Die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Krisen haben die Einkommenszufriedenheit im Südwesten stark sinken lassen.

Anmerkungen: Einkommenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«). Haushaltseinkommen: Nettoeinkommen aller Haushaltsmitglieder nach Steuern und Sozialabgaben, aber plus Transfers wie Wohn- oder Kindergeld.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Baden-Württemberg gehört mit Bayern, Hessen und Hamburg zu den wohlhabenden Bundesländern. Der Südwesten profitierte in den wirtschaftlich guten 2010er-Jahren: Die Bruttostundenverdienste sind zwischen 2015 und 2020 um fast ein Drittel gewachsen. Im Jahr 2020 betrug das durchschnittliche monatliche Haushaltsnettoeinkommen (d.h. nach Steuern und Sozialabgaben) 4.222 Euro und war damit ähnlich hoch wie im reichen Nachbarland Bayern. Darüber hinaus ist die Ungleichheit im Land relativ gering: »Nur« etwa 15,4 Prozent gelten als armutsgefährdet (Gesamtdeutschland: 16,2 Prozent), verdienen also weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens.

Abbildung 2 zeigt bis 2019 eine dem hohen Wohlstand entsprechende hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Einkommen. Mit 7,48 Punkten im Vor-Corona-Jahr gehören die Baden-Württemberger zusammen mit den Hessen und Bayern sogar zu den glücklichsten im finanziellen Bereich. Seit 2020 (7,03 Punkte) – dem ersten Pandemie-Jahr – fällt die Einkommenszufriedenheit im Südwesten. 2022 landet sie sogar nur noch bei 6,49 Punkten. Das ist ein Absturz auf den Bundesdurchschnitt, der ebenfalls bei 6,49 Punkten liegt.

Positiv ist: Die Arbeitszufriedenheit hat sich 2022 wieder deutlich erholt. Von 7,38 Punkten (2019) fiel sie im zweiten Corona-Jahr 2021 auf 6,76 Punkte und entwickelt sich nun mit 7,17 Punkten wieder in Richtung Vor-Corona-Niveau. Dabei schwankt die Zufriedenheit mit der beruflichen Situation im Südwesten aber stärker als in Gesamtdeutschland (Abbildung 3).

Abbildung 3: Arbeitszufriedenheit der Baden-Württemberger

Die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Krisen haben die Einkommenszufriedenheit im Südwesten stark sinken lassen.

Anmerkungen: Arbeitszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«). Haushaltseinkommen: Nettoeinkommen aller Haus-haltsmitglieder nach Steuern und Sozialabgaben, aber plus Transfers wie Wohn- oder Kindergeld.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Die Arbeitszufriedenheit ist in Baden-Württemberg ein wichtiger Indikator: Die Erwerbstätigenquote, d.h. der Anteil an Erwerbstätigen an allen »Arbeitsfähigen«, ist hier besonders hoch. Außerdem ist auch ein großer Teil der Frauen beschäftigt. Gerade erwerbstätige Frauen waren aber von der Pandemie betroffen, da sie stärker in Berufen arbeiten, die von den Kontakbeschränkungen berührt waren (Pflege, Kindertagesstätten und Schulen, Einzelhandel, körpernahe Dienstleistungen).

Die Lebenszufriedenheit in den Regionen Baden-Württembergs

Baden-Württemberg ist im Norden eher industriell, im Süden eher landwirtschaftlich und touristisch geprägt. Rund um Stuttgart gibt es mit einem Kraftfahrzeugbauer ein wohlstandsmehrendes Großunternehmen. Im Südwesten verdankt das Land seinen hohen Lebensstandard aber vor allem vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Viele »Hidden Champions« haben hier ihren Firmensitz: Sie stellen oft als einzige ein bestimmtes Produkt her und sind trotz ihrer geringen Größe in ihrem Segment Marktführer. Als ein Beispiel sei nur die Zahntechnik im südlichen Württemberg zu nennen.

Abbildung 4: Südbaden am zufriedensten, Nordbaden am unzufriedensten

Am glücklichsten ist Südbaden mit 6,94 Punkten. Mit einem Abstand von 0,33 Punkten ist Nordbaden deutlich unzufriedener.


Anmerkungen:Lebenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Glücksatlas-Datenbank 2022.

Der Schwarzwald, der sich von Nord- über Südbaden erstreckt, sowie Regionen im Allgäu und am Bodensee sind wiederum stark touristisch geprägt. Hier profitieren die Baden-Württemberger von einer schönen Landschaft und einer intakten Natur. Im Süden gibt es darüber hinaus einen großen kulturellen Stolz – angefangen von der Uhrenkunst im Südschwarzwald bis hin zur alemannischen Fastnacht (»Fasching«).

In seiner Lebenszufriedenheit teilt sich Baden-Württemberg in zwei Blöcke (Abbildung 4): Es gibt mit Württemberg-Nord (6,90 Punkte) und Südbaden (6,94 Punkte) eher zufriedene und mit Württemberg-Süd (6,77 Punkte) und Nordbaden (6,61 Punkte) eher unzufriedene Regionen. Diese Unterschiede sollten nicht überbewertet werden – die meisten sind kaum statistisch signifikant. Es lässt sich also nicht eindeutig sagen, dass Südbadener glücklicher seien als Württemberger. Aber: Die Differenz innerhalb Badens ist doch erstaunlich hoch. Bei näherem Blick in die Daten sehen wir, dass dies vor allem an den großen Unterschieden zwischen den Städten liegt: Freiburger aus dem Südbadischen sind deutlich zufriedener als Karlsruher oder Mannheimer aus dem Nordbadischen. Warum Freiburger zufriedener als Mannheimer sind, lässt sich schwer sagen. Wirtschaftliche Gründe scheiden zumindest aus: Der industrielle Schwerpunkt Badens liegt schließlich im Norden.

Seit 2018 schwächelt die Lebenszufriedenheit der Rheinland-Pfälzer. 2022 liegt sie erstaunlich niedrig. Auch in den Bereichszufriedenheiten schneiden die Rheinland-Pfälzer unterdurchschnittlich ab. Das liegt daran, dass das Land in vielen Bereichen wie Einkommen oder Gesundheit ebenfalls nur unterdurchschnittliche Werte vorweisen kann.

Familien- und Freizeitzufriedenheit erholen sich wieder

In Baden-Württemberg stürzte die Familienzufriedenheit von 8,08 (2019) auf 7,27 Punkte (2021) ab, ähnlich wie in Gesamtdeutschland. 2022 bringt eine leichte Erholung auf 7,38 Punkte. Im Vergleich zu Gesamtdeutschland waren die Menschen aus dem Südwesten mit ihrer Familiensituation immer etwas glücklicher. Dazu trugen bisher ein hoher Anteil Verheirateter und stabile Familienverhältnisse bei. 

Allerdings machte sich in der Pandemie die im Vergleich zu anderen Bundesländern unterdurchschnittliche Ausstattung mit Kindertagesstätten bemerkbar. In Baden-Württemberg waren insbesondere erwerbstätige Frauen mit Sprösslingen im Kindergartenalter mit ihrem Familienleben unzufrieden. In das Homeoffice zurückgeworfen, mussten sich diese Frauen gleichzeitig um ihre Kinder und den Haushalt kümmern (die Männer waren beruflich oft außerhalb tätig).

Abbildung 5: Die Zufriedenheit der Baden-Württemberger mit ihrem Familienleben

Vor allem unter den geschlossenen Kitas und Schulen hat die Zufriedenheit mit dem Familienleben während der Corona-Zeit gelitten.

Anmerkungen: Familienzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Deutschlandweit sank die Zufriedenheit mit dem Freizeitleben 2021 ins Bodenlose. Auch in Baden-Württemberg sackte die Freizeitzufriedenheit von 7,29 Punkten (2019) auf 5,02 Punkte (2021) ab. Baden-Württemberg erholt sich 2022 etwas schwächer als der gesamtdeutsche Trend, hinter dem das südwestliche Bundesland um 0,16 Punkte zurückbleibt.

Die Freizeitzufriedenheit gehört damit zu den Bereichen, die in der Corona-Pandemie am stärksten schwankten. Kein Wunder: Freizeiteinrichtungen wie Kinos, Tier- und Freizeitparks schlossen, Menschen in Vereinen trafen sich gar nicht mehr oder nur digital. Zeitweise war außer Spaziergängen im Wald und Selbstbeschäftigung zu Hause wenig möglich. Eine hohe Freizeitzufriedenheit ist stark von sozialen Kontakten abhängig. Fallen diese weg, sinkt die Zufriedenheit mit dem eigenen Freizeitleben.

Abbildung 6: Die Zufriedenheit der Baden-Württemberger mit ihrem Freizeit

Die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Krisen haben die Freizeitzufriedenheit im Südwesten stark sinken lassen.

Anmerkungen: Freizeitzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

In Baden-Württemberg sank die Freizeitzufriedenheit während der Corona-Krise insbesondere in zwei Gruppen: den jungen Menschen und bei Menschen, die in Vereinen aktiv sind. Das ist von Bedeutung da das Bundesland eine recht junge Bevölkerung hat – junge Menschen brauchen meist mehr regelmäßige soziale Kontakte als ältere – zum anderen gibt es im Südwesten eine starke Ver-einsstruktur, die unter den Maßnahmen stark gelitten hat.

Stärken

Heben die Lebenszufriedenheit

  • Beträchtlicher Zuzug junger Menschen aus Nord- und Ostdeutschland
  • Gute gesundheitliche Versorgung
  • »Hidden Champions«, viele kleine Unternehmen mit starker Weltmarktposition
  • Hohes soziales Kapital, starke Vereinsstrukturen

Schwächen

Senken die Lebenszufriedenheit

  • Bevölkerung altert
  • Zu wenige Kinderbetreuungseinrichtungen
  • Große Verwundbarkeit in der jetzigen Energiekrise, hoher Industrieanteil
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