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In Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg

Glücksatlas 2022

Thüringen: Eine Sorgenregion mitten in Deutschland

Thüringen galt lange als »Glücksoase des Ostens«, doch die Corona-Pandemie traf das Land außergewöhnlich hart. Auch die Erholung verläuft schleppend. Es fehlt an wirtschaftlicher Dynamik, das Stadt-Land-Gefälle ist groß und viele Thüringer hadern mit der Situation. Lediglich mit ihrem Freizeitleben sind die Thüringer zufriedener als der gesamtdeutsche Durchschnitt.

Noch 2018 zählte der Glücksatlas Thüringen zur »Glücksoase des Ostens«, da es im Vergleich zu anderen ostdeutschen Bundesländern am besten abschnitt. Inzwischen gehört Thüringen zu den Sorgenregionen und wird in der Lebenszufriedenheit, aber auch in der wirtschaftlichen Dynamik von anderen ostdeutschen Bundesländern (z.B. Brandenburg) abgehängt. Auch die Thüringer selbst sehen sich laut Thüringen-Monitor im ostdeutschen Vergleich nicht mehr vorne: Nur noch ein Drittel stimmt 2021 der Aussage zu, dass »die wirtschaftliche Lage in Thüringen besser sei als in anderen ostdeutschen Bundesländern«. 2017 war es noch die Hälfte.

Corona trifft Thüringen hart, Lebenszufriedenheit bleibt auf niedrigem Niveau

Bis 2019 stieg die durchschnittliche Lebenszufriedenheit in Thüringen stetig an (Abbildung 1). 2015 lag sie noch bei 6,80 Punkten, 2019 knackte Thüringen mit 7,09 Punkten als einziges ostdeutsches Bundesland die 7er-Marke. Wegen der Corona-Pandemie büßten die Thüringer sehr stark an Lebenszufriedenheit ein. 0,64 Punkte ging es hinab – 6,45 Punkte reichten 2021 nur noch für Platz 14 im Bundesländer-Ranking vor Bremen und Berlin. 2022 erholt sich die Lebenszufriedenheit nur minimal, mit 6,54 Punkten kann es einen Rang gut machen. Inzwischen bleibt Thüringen weit hinter anderen ostdeutschen Bundesländern wie Brandenburg (6,87 Punkte) oder Sachsen-Anhalt (6,79 Punkte) zurück.

Abbildung 1: Thüringen bleibt auch 2022 auf sehr niedrigem Zufriedenheitsniveau

Der Abstand zwischen Thüringen und Gesamtdeutschland ist 2022 so hoch wie noch nie. 2018 lag Thüringen noch fast auf gesamtdeutschem Glücksniveau.

Anmerkung: Lebenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2017, Glücksatlas-Datenbank 2015 bis 2022.

Thüringens geringe Lebenszufriedenheit ist das Ergebnis einer Mischung aus wirtschaftlicher Schwäche, einem starken Stadt-Land-Gefälle und einem Gefühl des Abgehängt-Seins. Die geringe wirtschaftliche Dynamik äußert sich in geringen Investitionen und einer stagnierenden Gewerbeentwicklung. Ökonomisch gesehen, steckt Thüringen im Stillstand – die schwächste deutsche Region liegt laut Institut der Deutschen Wirtschaft im thüringischen Ilm-Kreis. Nur in den Städten Erfurt, Jena und Gera sieht es ökonomisch rosiger aus, Jena hat auch eine berühmte Universität. Auf dem Land fühlen sich die Thüringer abgehängt. Der Thüringer Strukturatlas zeigte 2020, dass sich mehr als 60 Prozent der Einwohner auf dem Land ungerecht behandelt fühlen und Angst haben, auf der Verliererseite des Lebens zu stehen. In den Städten sind es »nur« 45 bis 50 Prozent.

Einkommenszufriedenheit bleibt stabil, Arbeitszufriedenheit wird durch Corona kaum berührt

Abbildung 2: Die Zufriedenheit der Thüringer mit ihrem Haushaltseinkommen

Die Einkommenszufriedenheit in Thüringen stabilisiert sich auf niedrigem Niveau – die derzeitige Inflation trifft die Thüringer noch nicht.

Anmerkungen: Einkommenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«). Haushaltseinkommen: Nettoeinkommen aller Haus-haltsmitglieder nach Steuern und Sozialabgaben, aber plus Transfers wie Wohn- oder Kindergeld.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Die Thüringer haben im deutschlandweiten Vergleich eine geringe Einkommenszufriedenheit. 2019 lag sie mit 6,53 Punkten 0,65 Punkte unterhalb des deutschen Durchschnitts (Abbildung 2). Thüringen gehört zusammen mit Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu den Bundesländern mit den geringsten Einkommen.

Überraschenderweise bleibt die Einkommenszufriedenheit während Corona stabil, sodass sie sich 2022 mit der gesamtdeutschen Entwicklung trifft. Noch wirkt sich die hohe Inflationsrate also nicht aus. Vermutlich sind die Thüringer leiderprobt und wissen mit Preissteigerungen und geringen Reallöhnen besser zurechtzukommen. Trotzdem wird sich auch hier die Inflation bemerkbar machen – spätestens mit den hohen Nachzahlungen für die Energie.

Abbildung 3: Arbeitszufriedenheit der Thüringer

Die Thüringer sind leidgeprüft: Sie haben seit Jahren eine niedrige Arbeitszufriedenheit – Corona hat daran nicht viel geändert.

Anmerkungen: Arbeitszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Auch die Arbeitszufriedenheit ist mit Werten zwischen 6,87 (2016) und 7,01 Punkten (2019) sehr niedrig (Abbildung 3). Die Corona-Pandemie hat das kaum verändert: Da die Thüringer 2021 auf diesem geringen Niveau verharrten, der Bundesschnitt aber auf 7,00 Punkte absank, waren sie zeitweise mit ihrem Job sogar glücklicher als die arbeitende Bevölkerung im gesamtdeutschen Durchschnitt.

Die Arbeitssituation in Thüringen war noch nie einfach: Die Thüringer gelten seit Jahren als diejenigen, die mit Abstand die höchste Arbeitsbelastung aufweisen. Auch in einer unserer Befragungen vom Januar 2022 zeigte sich, dass hier mit 11,7 Stunden die deutschlandweit meiste Zeit mit Hausarbeit und Arbeit pro Tag verbracht wird (Gesamtdeutschland: 10,9 Stunden). Die Corona-Pandemie hat daran wenig verändert, während in anderen Bundesländern die neuen Belastungen wie ein Schock wirkten.

Familienzufriedenheit stabilisiert sich auf niedrigem Niveau, Freizeitzufriedenheit wieder auf Erholungskurs

Abbildung 4: Die Zufriedenheit der Thüringer mit ihrem Familienleben

Die Familienzufriedenheit sank von 2015 bis 2021 – immer mehr ältere Thüringer leben alleine.

Anmerkungen: Familienzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Die Zufriedenheit der Thüringer mit ihrem Familienleben sinkt seit 2015 – von ehemals 7,72 auf 7,32 Punkte im Jahr 2021 (Abbildung 4). 2022 erholte sie sich leicht auf 7,37 Punkte.

Das insgesamt niedrige Niveau ist auf eine – aus der Sicht der Glücksforschung – ungute Entwicklung zurückzuführen: Laut Landesamt für Statistik lebt heute jeder fünfte Thüringer allein. Gleichzeitig haben wir es mit einer relativ alten Bevölkerungsstruktur zu tun. Fast zwei Drittel sind über 45 Jahre alt, deutschlandweit ist es knapp jeder zweite. Im mittleren und hohen Alter ist es für die eigene Lebens- und Familienzufriedenheit keine gute Idee, alleine zu leben. Gerade im Alter zwischen 50 und 65 Jahren tut eine Beziehung gut.

Abbildung 5: Die Zufriedenheit der Thüringer mit ihrer Freizeit

Die Freizeitzufriedenheit der Thüringer erholt sich 2022 wieder – genau wie in Gesamtdeutschland.

Anmerkungen: Freizeitzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

In der Freizeitzufriedenheit folgen die Thüringer dem allgemeinen deutschen Trend (Abbildung 5). Mit der Corona-Pandemie und den Kontakteinschränkungen fiel die Zufriedenheit auf knapp 5 Punkte – eine extrem negative Entwicklung. 2022 erholt sich die Freizeitzufriedenheit allerdings wieder: In Thüringen liegt sie heute bei 6,62 Punkten und damit leicht höher als in Gesamtdeutschland.

In punkto Freizeit ist Thüringen ambivalent. Auf der einen Seite profitieren die Thüringer von einer intakten Natur, die zahlreiche Möglichkeiten zu wandern und »die Seele baumeln lassen« bietet. Auf der anderen Seite fehlen in Thüringen aber die großen Städte. Gerade junge Leute, die im ländlichen Raum leben, dürften sich in ihren Freizeitmöglichkeiten eingeschränkt fühlen. Oft braucht es mehr als eine Stunde mit dem Auto oder gleich 1,5 Stunden mit dem ÖPNV, um in eine größere Stadt wie Erfurt zu gelangen.

Stärken

Heben die Lebenszufriedenheit

  • Intakte Natur, viele Freizeitmöglichkeiten auf dem Land
  • Gute Infrastruktur bei Kinderbetreuungseinrichtungen
  • Geringe Wohnkosten

Schwächen

Senken die Lebenszufriedenheit

  • Geringes Einkommen, kaum wirtschaftliche Dynamik
  • Schlechte Work-Life-Balance
  • Alternde Bevölkerung bei gleichzeitiger Zunahme von Einpersonenhaushalten
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