Zu den Hauptinhalten springen

In Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg

Glücksatlas 2022

Mecklenburg-Vorpommern: Deutschlands Schlusslicht

Mecklenburg-Vorpommern ist im Bundesländer-Glücksranking 2022 mit 6,35 Punkten Schlusslicht. Vor allem die Zufriedenheit mit der Arbeit und dem Einkommen, die früher gut war, ist durch Corona gefallen. Jetzt kommt die steigende Inflation dazu. Glücklich sind die Menschen hier aber mit der Freizeit und den wunderschönen Naturlandschaften.

Die Lebenszufriedenheit in Mecklenburg-Vorpommern rutscht in den Keller

Die Corona-Pandemie hat die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern weniger hart getroffen als in vielen anderen Bundesländern. Gerade junge Menschen und Familien litten unter den Lockdowns am meisten. Das sind aber Gruppen, die in Mecklenburg-Vorpommern unterproportional häufig vertreten sind. Das Land hat vielmehr eine alte Bevölkerungsstruktur (der Anteil der über 65-Jährigen im Verhältnis zur Erwerbsbevölkerung liegt bei 45 Prozent im Unterschied zu 36,9 Prozent im Bundesschnitt) und besitzt anteilsmäßig wenige Familien, die durch Corona ihren Alltag vollständig »umkrempeln« mussten.

Dennoch fiel das Wohlbefinden während Corona auch in Mecklenburg-Vorpommern (Abbildung 1): In den Jahren 2020 und 2021 lag die durchschnittliche Lebenszufriedenheit bei 6,60 Punkten, das war nur wenig unterhalb der Marke von 6,66 Punkten für Gesamtdeutschland. Doch während sich Deutschland 2022 wieder vom Corona-Schock erholt, fällt Mecklenburg-Vorpommern auf 6,35 Punkte zurück – so tief lang das Land zuletzt 2005.

Abbildung 1: Die Mecklenburg-Vorpommerner sind nach Corona sogar unzufriedener als vor Corona

Die Lebenszufriedenheit in Mecklenburg-Vorpommern ist seit 2018 (6,96 Punkte) im freien Fall. 2022 erreicht das nordöstliche Bundesland nur 6,35 Punkte – damit liegt das Lebensglück auf dem Niveau der 2000er-Jahre.

Anmerkung: Lebenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2017, Glücksatlas-Datenbank 2015 bis 2022.

Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige Bundesland, in dem die Lebenszufriedenheit der Bewohner im Vergleich zur Corona-Zeit sogar gesunken ist – von 6,60 auf aktuell 6,35 Punkte. Nach wie vor ist im Nordosten die wirtschaftliche Dynamik gering, die Jugendarbeitslosigkeit mit etwa neun Prozent hoch und es leben im bundesdeutschen Vergleich überproportional viele Menschen von sozialen Mindestsicherungssystemen wie Arbeitslosengeld II, Grundsicherung usw. (Mecklenburg-Vorpommern: 9,2 Prozent; Gesamtdeutschland: 8,3 Prozent). Die schwierige ökonomische Situation existiert aber schon lange und kann das neuerliche Absinken der Lebenszufriedenheit der Menschen nicht erklären. Im Gegenteil: einiges entwickelt sich recht positiv. So ziehen seit ein paar Jahren wieder mehr junge Menschen nach Mecklenburg-Vorpommern – dank geringer Wohnkosten und guter Universitätsstädte. Außerdem blüht – trotz Corona und Inflation – die Tourismuswirtschaft.

Blick in die Bereichszufriedenheiten zeigt Gründe für geringe Lebenszufriedenheit

Abbildung 2: Die Zufriedenheit der Mecklenburg-Vorpommerner mit ihrem Haushaltseinkommen

Auch in der Einkommenszufriedenheit ist Mecklenburg-Vorpommern mit 5,73 Punkten Schlusslicht.

Anmerkungen: Einkommenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«). Haushaltseinkommen: Nettoeinkommen aller Haushaltsmitglieder nach Steuern und Sozialabgaben, aber plus Transfers wie Wohn- oder Kindergeld.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

In Mecklenburg-Vorpommern fällt die Einkommenszufriedenheit ins Bodenlose (Abbildung 2): Gefragt nach der Zufriedenheit mit der eigenen finanziellen Situation (von 0 = ganz und gar nicht zufrieden) bis 10 (= völlig zufrieden) geben die Menschen 2022 einen Durchschnitt von 5,73 Punkten an. In Gesamtdeutschland hat sich der Wert zwar auch massiv verschlechtert, doch liegt er mit 6,49 Punkten um 0,73 Punkte höher.

Überraschend ist der geringe Wert auch deshalb, weil die Einkommenszufriedenheit hier traditionell immer hoch war, oft sogar überdurchschnittlich. 2019 lag sie noch bei 7,14 Punkten. Denn Mecklenburg-Vorpommern bietet finanziell gesehen viele Vorteile: Die Wohnkosten und die Einkommensungleichheit sind gering. In vielen Regionen des Landes lässt sich der »Traum vom Eigenheim« noch realisieren. Außerdem sind die Lebenshaltungskosten im Nordosten die niedrigsten im deutschlandweiten Vergleich.

Was erklärt also das starke Absinken der Einkommenszufriedenheit? Das monatliche Nettoeinkommen liegt gerade mal durchschnittlich 1.730 Euro. Im deutschen Schnitt sind es fast 2.000 Euro. Im Jahr 2022 schlug auch die Inflation kräftig zu und gerade in Haushalten mit geringen Einkommen, wovon es in Mecklenburg-Vorpommern sehr viele gibt, führt die zunehmende Geldentwertung zu finanziellem Stress.

Abbildung 3: Arbeitszufriedenheit der Mecklenburg-Vorpommerer

Die Arbeitszufriedenheit hat sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. Gerade für die vielen Arbeitnehmer in der Tourismuswirtschaft waren die Corona-Jahre besonders schwer.

Anmerkungen: Arbeitszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Corona lässt die Arbeitszufriedenheit sinken

Auch ein Blick auf die Arbeitszufriedenheit zeigt die Unzufriedenheit mit der eigenen ökonomischen Situation deutlich (Abbildung 3). Mit 6,47 Punkten liegt Mecklenburg-Vorpommern weit hinter Gesamtdeutschland (7,09 Punkte). Ähnlich wie bei der Einkommenszufriedenheit waren die Menschen im Nordosten vor 2020 auch mit ihrer Arbeit sehr zufrieden. Corona hat das Bild gedreht.

Mecklenburg-Vorpommern lebt zu großen Teilen vom Tourismus. Gerade dieser Wirtschaftszweig war von den Corona-Maßnahmen hart getroffen. Mit der Inflation und dem Arbeitskräftemangel kommen nun neue Probleme auf die Hotel- und Gaststättenbetreiber zu. Das Arbeitsleben ist somit für viele Mecklenburg-Vorpommerner sehr angespannt.

Die Lebenszufriedenheit in den Regionen Mecklenburg-Vorpommerns

In den zwei Regionen Mecklenburg-Vorpommerns – Mecklenburg (6,35 Punkte) und Vorpommern (6,64 Punkte) – gibt es große Unterschiede in der Lebenszufriedenheit (Abbildung 4). Die Vorpommerner sind deutlich zufriedener mit ihrem Leben als die Mecklenburger. Das hat mit mindestens zwei Faktoren zu tun.

Abbildung 4: Die Lebenszufriedenheit in den Regionen Mecklenburg-Vorpommerns

Vorpommern punktet mit besserer Infrastruktur. Zudem leben anteilsmäßig viele zufriedene Studierende sowie Pärchen im frühen Rentneralter in Vorpommern.


Anmerkungen: Lebenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Glücksatlas-Datenbank 2022.

Zum einen ist die Lebensqualität in Vorpommern höher. Eine Betrachtung verschiedenster Indikatoren durch die Hochschule Stralsund weist auf eine dichte soziale Infrastruktur (z. B. viele Kinderbetreuungsplätze), gute Zuganbindung, besonders geringe Wohnkosten sowie auf eine intakte Natur hin. Zudem bieten Städte wie Stralsund und Greifswald Zukunftspotential. In Mecklenburg ist – insbesondere auf dem Lande – die wirtschaftliche Dynamik gering, die Infrastruktur relativ schlecht ausgebaut und die Vereinskultur ausgedünnt.

Zum anderen muss die Einwohnerstruktur beachtet werden. In Mecklenburg leben die meisten Arbeitssuchenden des Landes. Darüber hinaus ist der Anteil an Einpersonenhaushalten in Städten wie Rostock oder Schwerin besonders hoch. Vorpommern hat hingegen einen großen Teil an älteren Paarhaushalten aus der »bürgerlichen Mittelschicht« sowie anteilsmäßig viele Studierende – zwei Gruppen, die klassischerweise mit ihrem Leben sehr zufrieden sind.

Übrigens: Der gesamte Durchschnitt für Mecklenburg-Vorpommern liegt tatsächlich bei 6,35, während er für Mecklenburg bei 6,35 und für Vorpommern bei 6,64 Punkten liegt. Das liegt an der Gewichtung unserer Befragten, um für Repräsentativität zu sorgen. Für Vorpommern erhält zum Beispiel die 30-Jährige, alleinlebende Frau eine höhere Gewichtung als für das gesamte Bundesland, da sie in Vorpommern einen größeren Anteil ausmacht.

Familienzufriedenheit sinkt ebenfalls – Mecklenburg-Vorpommern punktet aber bei der Freizeitzufriedenheit

Abbildung 5: Die Zufriedenheit der Mecklenburg-Vorpommerner mit ihrem Familienleben

Mit 6,60 Punkten ist auch die Familienzufriedenheit in Mecklenburg-Vorpommern sehr niedrig.

Anmerkungen: Familienzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Auch die Familienzufriedenheit sinkt in Mecklenburg-Vorpommern stark ab – auf 6,6 Punkte (Abbildung 5). Im Gegensatz zu Gesamtdeutschland erholt sich diese 2022 nicht. Wie beim Einkommen und der Arbeit fällt der Wert seit 2019 stark ab. Die Haushaltstruktur in Mecklenburg-Vorpommern ist dabei typisch für Ostdeutschland: Viele Einpersonenhaushalte und kleine Familien mit ein oder zwei Kindern. Corona dürfte insbesondere die Alleinlebenden stark getroffen haben.

Abbildung 6: Die Zufriedenheit der Mecklenburg-Vorpommerner mit ihrer Freizeit

Die Corona-Pandemie und die darauffolgenden Krisen haben die Einkommenszufriedenheit im Nordosten stark sinken lassen.

Anmerkungen: Freizeitzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Die Zufriedenheit mit dem eigenen Freizeitleben ist der einzige Bereich, bei dem die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern mit dem gesamtdeutschen Verlauf mitgehen. Während Corona war die Freizeitzufriedenheit hier sogar höher als der Durchschnitt – auch wenn die Menschen hier 2021 sehr geringe Zufriedenheitswerte angaben (Abbildung 6).

Mit 6,55 Punkten liegt der Nordosten aktuell leicht vor Gesamtdeutschland (6,51 Punkte). Damit bestätigen wir eine zdf-Studie aus dem Jahr 2018, die schon damals zeigte, dass der Nordosten insbesondere im Bereich Freizeit und Natur große Vorteile bietet. Vorpommern-Rügen sowie der Landkreis Rostock waren sogar unter den deutschlandweiten Top 10. Kein Wunder also, dass die Region weiterhin ein attraktives Urlaubsziel ist.

Stärken

Heben die Lebenszufriedenheit

  • Intakte Natur, viele Freizeitmöglichkeiten
  • Typisch ostdeutsch: Gute Infrastruktur bei der Kinderbetreuung (fiel in Corona-Zeit aus)
  • Boomende Tourismuswirtschaft (in Corona-Zeiten aber eher ein Nachteil)
  • Geringe Lebenshaltungskosten ziehen seit Ende der 2010er-Jahre vermehrt junge Leute an

Schwächen

Senken die Lebenszufriedenheit

  • Bevölkerung altert
  • Viele Alleinlebende, soziale Isolation verbreitet
  • Geringe wirtschaftliche Dynamik (wenig Gewerbeanmeldungen, geringe Investitionen)
  • Schwächelnde Vereinsstrukturen
Nach oben