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In Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg

Glücksatlas 2022

Berlin: »Unzufrieden, aber sexy«

Die Lebenszufriedenheit Berlins war und ist im deutschlandweiten Vergleich unterdurchschnittlich. Corona hat vor allem bei den jungen Berlinern tiefe Spuren hinterlassen und die Erholung ist noch verhalten. Doch in einigen Bereichen geht es aufwärts. Vor allem in einem Bereich haben die Berliner die Nase vorn: In ihrer Freizeitzufriedenheit.

Im Bundesländer-Ranking der Lebenszufriedenheit liegen die Berliner seit Beginn der Messungen 1984 im unteren Drittel. Auch in den 2010er-Jahren bewegten sie sich auf den Rängen 12 bis 16, ohne Tendenz nach oben. 2021 bedeutete mit der Corona-Pandemie einen Rekord-Tiefstwert (Abbildung 1). Auf der Skala zwischen 0 (»ganz und gar unzufrieden«) und 10 (»völlig zufrieden«) gaben die Berliner im Schnitt den Wert 6,2 an, darunter gab sogar ein Viertel der Bevölkerung nur Werte von 0 bis 4 an – in der Glücksforschung bedeutet das einen extrem großen Anteil an Unzufriedenen. Die Pandemie traf die Berliner also besonders hart. Da die Bevölkerung eher jung ist und in Berlin viele Alleinstehende leben, schmerzte die Einschränkung der sozialen Kontakte besonders, soziale Isolation und Einsamkeit breiteten sich aus. Zudem arbeiten viele Berliner im Dienstleistungsbereich: Zurückgeworfen ins Homeoffice mussten viele Familien im gut verdienenden Prenzlauer Berg plötzlich ihren Alltag vollständig umstrukturieren. Gerade Mütter mit Kindern im Grundschulalter zerrieben sich zwischen Homeoffice, Homeschooling und Homework.

Das hat Spuren hinterlassen – die Erholung lässt hier noch auf sich warten. Da sich Berlin aber sehr dynamisch entwickelt, dürfte das nicht das letzte Wort sein. Die Berliner gründen Familien und Startups. Die Stadt erfreut sich einer regen Partyszene und hat durch den Hauptstadtflair auch internationalen Charakter. Mit 31,3 Prozent ist besonders der Anteil der 25- bis 44-Jährigen hoch (Deutschland: 25 Prozent). Also gerade die Altersgruppe, in der besonders viele Lebensentscheidungen getroffen werden. Im Vergleich zu 2021 (6,20 Punkte) steigt die Lebenszufriedenheit folgerichtig um 0,33 Punkte auf 6,53, ist aber eben vom Vor-Corona-Wert von 6,93 noch weit entfernt.

Abbildung 1: Berlin holt das Verlorene aus der Pandemie nach, die Lebenszufriedenheit steigt wieder etwas

Berlins Lebenszufriedenheit steigt 2022 auf 6,53 Punkte und kann den Tiefstwert 2021 (6,20 Punkte) hinter sich lassen. Inflation, steigende Wohnkosten und Flüchtlingszahlen bremsen aber die Erholung.

Anmerkung: Lebenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2017, Glücksatlas-Datenbank 2015 bis 2022.

Die 2022 neu hinzu gekommenen Krisen bremsen die Erholung der Lebenszufriedenheit Berlins aber wieder. Neue Belastungen drücken den Berlinern aufs Gemüt. Inflation und Reallohnverluste schmälern die Kaufkraft, die bereits zuvor nicht besonders hoch war. Mit einem verfügbaren Einkommen von 21.327 Euro liegt Berlin hinter jedem westdeutschen Bundesland. Darüber hinaus verringern Sonderfaktoren die Lebenszufriedenheit der Berliner: Die Wohnkosten – gerade bei den Neuvertragsmieten – steigen weiter, trotz Mietpreisbremse. Die schwierige Wohnsituation wird zudem durch den Zuzug der Flüchtlinge aus dem Ukraine-Krieg verschärft.

Berlin wird noch ärmer, Arbeitszufriedenheit fällt

Abbildung 2: Die Zufriedenheit der Berliner mit ihrem Haushaltseinkommen

Die Einkommenszufriedenheit

Anmerkungen: Einkommenszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«). Haushaltseinkommen: Nettoeinkommen aller Haushaltsmitglieder nach Steuern und Sozialabgaben, aber plus Transfers wie Wohn- oder Kindergeld.

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Die Berliner sind unzufrieden mit ihrer Einkommenssituation. Die Einkommenszufriedenheit fällt seit 2019 (Abbildung 2) und liegt mit 5,93 Punkten 0,56 Punkte unterhalb des gesamtdeutschen Durchschnitts. Auch die hohe Ungleichheit hat daran ihren Anteil: So erhalten 16 Prozent der Berliner Transferzahlungen vom Staat (Arbeitslosengeld II, Grundsicherung im Alter, Jugendhilfe usw.). Auf der anderen Seite leben in Berlin auch viele Hocheinkommensbezieher. Zudem: Durch die hohen Wohnkosten steigt die Armutsgefährdungsquote 2022 auf 19 Prozent. Das heißt 19 Prozent der Berliner verdienen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens und haben Probleme, ihre Lebenshaltungskosten zu bestreiten.

Abbildung 3: Arbeitszufriedenheit der Berliner

Die Arbeitszufriedenheit fällt auf 6,44 Punkte – ein Rekordtiefstwert.

Anmerkungen: Arbeitszufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Die Arbeitszufriedenheit der Berliner fällt ins Bodenlose. Mit 6,44 Punkten liegt sie 0,96 Punkte unterhalb des Wertes von 2021. Das ist enorm und entwickelt sich gegen den gesamtdeutschen Trend, der bei der Arbeitszufriedenheit eigentlich nach oben weist. Besonders ausgeprägt ist in Berlin der Fach- und Arbeitskräftemangel. Laut IHK-Fachkräftemonitor fehlen schon heute in der Hauptstadt etwa 55.000 Fachkräfte, 2035 werden es wohl siebenmal mehr sein. In der Corona-Pandemie haben in Berlin viele ihren alten Job verlassen – einige haben den Job gewechselt, andere wiederum sind über lange Zeit krank gemeldet. 213 von 1.000 Einwohnern sind in Berlin mit psychischen Erkrankungen registriert – vor Corona waren es nur 147. Ein sprunghafter Anstieg.

Familienzufriedenheit erholt sich wieder, mit ihrem Freizeitleben sind die Berliner besonders zufrieden

Die Haushaltsstruktur der Berliner war besonders anfällig für die Corona-Pandemie. Viele junge Menschen isolierten sich während Corona. Soziale Kontakte nahmen ab oder gingen verloren. Gerade junge alleinlebende Frauen litten darunter. Die andere große Gruppe in Berlin sind Kleinfamilien. Auch hier sank die Zufriedenheit mit dem eigenen Familienleben – viele standen unter dem Druck der drei »H«: Homeoffice, Homeschooling und Homework.

Folglich sank die Familienzufriedenheit in Berlin besonders stark – auf 6,77 Punkte im Jahr 2021. 2022 erholt sie sich wieder auf 7,16 Punkte, bleibt aber weiter unterhalb des gesamtdeutschen Durchschnitts von 7,42 Punkten.

Abbildung 4: Die Zufriedenheit der Berliner mit ihrem Familienleben

Die Familienzufriedenheit in Berlin sank während Corona besonders stark – besonders bei Alleinlebenden und jungen Familien. Beides Gruppen, die in Berlin häufig anzutreffen sind.

Anmerkungen: Familienzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Berlins Freizeitwelt ist in Deutschland einzigartig. Das spiegelt sich in der hohen Freizeitzufriedenheit 2022 wider. Mit 6,93 Punkten liegt sie 0,42 Punkte vor dem gesamtdeutschen Durchschnitt (6,51 Punkte). Während der Corona-Pandemie konnte das Freizeitleben von Berlin kaum genossen werden – folglich sank die Zufriedenheit auf extrem niedrige 4,72 Punkte.

Abbildung 5: Die Zufriedenheit der Berliner mit ihrem Freizeitleben

Die Freizeitzufriedenheit hat sich 2022 wieder auf 6,93 Punkte erholt und liegt fast wieder auf dem Vor-Corona-Niveau.

Anmerkungen: Freizeitzufriedenheit von 0 (»ganz und gar unzufrieden) bis 10 (»völlig zufrieden«).

Quelle: Sozio-oekonomisches Panel 2015 bis 2020, Glücksatlas-Datenbank 2021 bis 2022.

Auch im internationalen Vergleich liegt Berlin gerade bei der Freizeitgestaltung vorne. Den guten elften Platz im weltweiten Städtevergleich der IESE Business School verdankt Berlin dem vielfältigen Freizeitleben (und einer gut ausgebildeten jungen Bevölkerung). Berlin schafft es sogar vor Städte wie Sydney oder Los Angeles.

Stärken

Heben die Lebenszufriedenheit

  • Junge, gut ausgebildete Bevölkerung
  • Zahlreiche Freizeitmöglichkeiten
  • Zunehmende wirtschaftliche Dynamik
  • Starke soziale Verbundenheit in einigen Stadtvierteln

Schwächen

Senken die Lebenszufriedenheit

  • Hohe Zahl Alleinlebender
  • Hohe Ungleichheit, viele Niedrigeinkommensbezieher
  • Sich verschärfender Fachkräftemangel
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